Zwischen Terrarium und Tropenmedizin: Berliner Zoo setzt Zeichen für globale Gesundheitsgerechtigkeit

+ + + Experten aus Forschung, Zoo-Praxis und Politik diskutieren Schlangenbisse als vernachlässigte Tropenkrankheit

Berlin, 22. Juni 2026 – Das Aquarium Berlin wurde zum Treffpunkt von Expertinnen und Experten aus Forschung, Zoo-Praxis, Medizin und Politik. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand ein oft übersehenes globales Gesundheitsproblem: Schlangenbissvergiftungen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) klassifiziert diese als vernachlässigte Tropenkrankheit (Neglected Tropical Disease, NTD). Jährlich werden weltweit rund 5,4 Millionen Menschen von Schlangen gebissen, mehr als Hunderttausend sterben, weitere Hunderttausende tragen dauerhafte gesundheitliche Schäden davon.

Die Veranstaltung machte deutlich, dass Schlangenbissvergiftungen weit mehr sind als ein medizinisches Problem. Sascha van Beek MdB, Sprecher des Parlamentarischen Beirats gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten, betonte die Bedeutung einer engen Zusammenarbeit von Forschung, Politik und Praxis. Die Bekämpfung von NTDs sei nicht nur eine Frage der Humanität, sondern auch ein Beitrag zu Innovation, globalen Partnerschaften und stabilen Gesellschaften. Nicht mangelnde Forschung sei primär das Problem, sondern mangelnde Gerechtigkeit.

Einen besonderen Schwerpunkt setzte Antonia Braus vom Deutschen Netzwerk gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten (DNTDs), indem sie den One-Health-Ansatz hervorhob. In vielen Regionen der Welt leben Menschen, Nutztiere und Wildtiere in engem Kontakt miteinander. Deshalb kann die menschliche Gesundheit nicht isoliert betrachtet werden; sie ist untrennbar mit der Gesundheit von Tieren aber auch mit klimatischen und anderen Umwelteinflüssen verbunden. Community Health Worker, Tierärztinnen und Tierärzte sowie medizinisches Personal spielten eine zentrale Rolle bei Prävention, Früherkennung und Behandlung. Nachhaltige Lösungen seien nur möglich, wenn Silos aufgebrochen und die Bereiche Humanmedizin, Tiermedizin und Umwelt konsequent zusammen gedacht würden.

Welche Rolle zoologische Einrichtungen dabei spielen können, erläuterte Dr. Andreas Pauly, Leiter der Abteilung für Tiergesundheit, Tierschutz und Forschung von Zoo, Tierpark und Aquarium Berlin. Mit der historischen Schlangenfarm des Tierparks Berlin und der heutigen Giftschlangenhaltung im Aquarium Berlin verfüge die Hauptstadt über eine lange Tradition in Forschung, Haltung und Aufklärung rund um Giftschlangen. Dieses Wissen trage bis heute zur Bildungsarbeit, Forschung und zum sicheren Umgang mit Schlangenbissunfällen bei.

Markus Klamt, Reptilien-Kurator des Aquariums Berlin, verwies auf die Herausforderungen durch die private und teilweise illegale Haltung von Giftschlangen. Fehlende Sachkunde und mangelnde Notfallvorsorge führten immer wieder zu gefährlichen Situationen. Der Zoo unterstütze regelmäßig Behörden und Einsatzkräfte mit seiner Expertise, wenn exotische Giftschlangen sichergestellt oder Vorfälle aufgearbeitet werden müssten.

Wie professionelles Risikomanagement in der Praxis funktioniert, schilderte Tierärztin Frauke Vißmann. Im Tierpark Berlin greifen bei Schlangenbissunfällen klare Sicherheits- und Notfallpläne. Dazu gehören das Vier-Augen-Prinzip bei der Arbeit mit Giftschlangen, die Vorhaltung von Antiseren und die enge Zusammenarbeit mit spezialisierten medizinischen Einrichtungen.

Die globale Perspektive brachte Dr. Benno Kreuels vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf ein. Das Wissen zu Schlangenbissen sei selbst in den Ländern, wo sie beheimatet sind, oft sehr gering. In Afrika z.B. seien Schlangenbisse mit Mythen und Aberglauben verbunden, weshalb auch die traditionellen Heiler eine wichtige Rolle spielten. Aber auch beschwerliche Wege zu weit entfernt liegenden Krankenhäusern und Armut würden dazu führen, dass Menschen an Schlangenbissen sterben. Wenn Schlangenbissopfer in Krankenhäusern ankommen, fehlt auch beim medizinischen Personal oft das Wissen und die wichtigste Ressource: Antivenin Günstige Importpräparate aus Asien, dominierten, wobei die Qualität und Wirksamkeit vieler Präparate oft nicht nachgewiesen oder kontrolliert wird. Auch fänden sich Präparate auf dem Markt, die für indische Schlangenbisse entwickelt wurden, aber nicht gegen die Bisse, der in den afrikanischen Ländern beheimateten Schlangen wirken.

Und schließlich gab Benno Kreuels zu bedenken, sei die Forschungsfinanzierung, obwohl Schlangenbisse inzwischen in die WHO-Liste der NTDs aufgenommen wurden, weiterhin unzureichend. All diese Faktoren würde die Bekämpfung der Schlangenbisse in Afrika so schwierig machen, zum Unglück betroffener Menschen.

Die Veranstaltung moderierte Dr. Dr. Carsten Köhler, Direktor des Kompetenzzentrums Tropenmedizin Baden-Württemberg am Institut für Tropenmedizin, Reisemedizin und Humanparasitologie des Universitätsklinikums Tübingen. Er zeigte eindrucksvoll, wie eng globale Gesundheit, Tiergesundheit und Umwelt miteinander verknüpft sind. Neben Fachvorträgen erhielten die Teilnehmenden Einblicke in die Haltung von Giftschlangen im Aquarium Berlin. Schlangenbissvergiftungen stehen beispielhaft für die Herausforderungen vernachlässigter Tropenkrankheiten – und für die Notwendigkeit, ihnen mit einem ganzheitlichen One-Health-Ansatz zu begegnen.

 

Zurück