Berlin, 12.10.2026 - Im Rahmen des World Health Summit 2026 fand die Session „ NTDs 2030: Turning Challenges into Health System Strength, Leveraging NTD Infrastructure for Resilient Healthcare and Epidemic Response“ diskutierten internationale Expertinnen und Experten, wie bestehende Strukturen zur Bekämpfung vernachlässigter Tropenkrankheiten (Neglected Tropical Diseases, NTDs) gestärkt und zugleich für widerstandsfähigere Gesundheitssysteme und eine bessere Epidemievorsorge genutzt werden können.
NTDs betreffen insbesondere Menschen in vulnerablen Lebenssituationen und machen häufig grundlegende Schwächen in der Gesundheitsversorgung sichtbar. Gleichzeitig verfügen NTD-Programme über wertvolle Infrastrukturen, darunter geschultes Gesundheitspersonal, logistische Netzwerke und gemeindenahe Versorgungsstrukturen. Diese können auch über die NTD-Bekämpfung hinaus einen wichtigen Beitrag zur öffentlichen Gesundheit leisten. Angesichts begrenzter finanzieller Ressourcen, fragiler Lieferketten und schwieriger Umsetzungsbedingungen stand daher die Frage im Mittelpunkt, wie bisherige Fortschritte gesichert und vorhandene Strukturen langfristig gestärkt werden können.
Prof. Dr. Achim Hörauf vom Universitätsklinikum Bonn unterstrich die Bedeutung von NTD-Programmen als Chance, bestehende Gesundheitsstrukturen zu stärken und den Austausch zwischen Forschung, Politik und Praxis voranzubringen. Prof. Dr. Carsten Köhler vom Universitätsklinikum Tübingen hob hervor, NTDs lasse sich nur besiegen, wenn auch die Menschen erreicht werden, die bislang kaum Zugang zu Gesundheitsversorgung haben. Ebenso entscheidend seien politische Führung und das Engagement der betroffenen Länder.
Wie sich bestehende Strukturen erfolgreich nutzen lassen, zeigte Dr. Elizabeth Juma, Teamleiterin des Expanded Special Project for the Elimination of Neglected Tropical Diseases (ESPEN) beim WHO-Regionalbüro für Afrika. Trotz begrenzter finanzieller Mittel konnten zahlreiche Fachkräfte geschult und wichtige Fortschritte erzielt werden. Die Integration verschiedener Gesundheitsprogramme bietet dabei erhebliche Synergien: So arbeiteten Teams beispielsweise bei der Bekämpfung von Polio und lymphatischer Filariose zusammen. Die etablierten Netzwerke können inzwischen auch bei der Bekämpfung von Ebola unterstützen. Um diese Erfolge langfristig zu sichern, müssen vorhandene Kapazitäten anerkannt, erhalten und gezielt weiterentwickelt werden.
Einen weiteren Schwerpunkt bildete der Zugang zu Medikamenten. Richard Neci, Geschäftsführer des Ecumenical Pharmaceutical Network (EPN) in Kenia, erläuterte, dass Medikamentenspenden insbesondere dort unverzichtbar bleiben, wo lokale Produktionskapazitäten fehlen. Gleichzeitig bestehen Herausforderungen bei der Beschaffung, der Qualitätssicherung und der zuverlässigen Versorgung von Gesundheitseinrichtungen. Neben funktionierenden Lieferketten sind qualifiziertes Gesundheitspersonal und gemeindenahe Netzwerke entscheidend. Kirchliche und andere lokale Strukturen können dazu beitragen, Menschen über NTDs aufzuklären, Verdachtsfälle zu erkennen und Betroffene mit Test- und Behandlungsangeboten zu verbinden.
Dass NTDs auch weitreichende Folgen für die allgemeine Gesundheit haben können, verdeutlichte Somphou Sayasone, stellvertretender Direktor des Lao Tropical and Public Health Institute in Laos. So kann eine Infektion mit dem asiatischen Leberegel langfristig zu schweren Folgeerkrankungen wie Krebs führen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, NTD-Prävention und -Behandlung stärker in nationale Gesundheitsprogramme einzubetten und ihre Bedeutung für die langfristige Gesundheit der Bevölkerung mitzudenken. Er wünsche sich von seiner Regierung eine ähnliche finanzielle Ausstattung wie HIV/Aids, TB und Malariabekämpfung.
Die Rolle sektorübergreifender Zusammenarbeit und medizinischer Innovationen hob Sabine Specht von Bayer AG hervor. Erfolgreiche Partnerschaften zwischen Pharmaindustrie, Forschung und globaler Gesundheitsgemeinschaft können neue Behandlungsmöglichkeiten ermöglichen. Als Beispiel nannte sie die Entwicklung eines Medikaments gegen Schlafkrankheit. Gleichzeitig bestehen weiterhin Versorgungslücken, insbesondere bei Arzneimitteln für Kinder und Frauen. Um diese zu schließen, braucht es eine engere Abstimmung zwischen den beteiligten Akteuren, offene Kommunikation über unterschiedliche Rahmenbedingungen und neue gemeinsame Lösungsansätze.
Auch in fragilen Kontexten müssen NTD-Programme möglichst verlässlich fortgeführt werden. Johan Willems, NTD-Programmmanager bei der Christoffel-Blindenmission (CBM), machte auf die besonderen Herausforderungen in Krisengebieten wie dem Südsudan aufmerksam. Er lobte, dass dort Maßnahmen wie das Monitoring der lymphatischen Filariose umgesetzt werden konnte. Integrierte Gesundheitsangebote, die Nutzung bestehender Strukturen und eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Akteuren sind entscheidend, um Versorgung und Fortschritte auch unter schwierigen Bedingungen aufrechtzuerhalten.
Die Diskussion machte deutlich, dass die Bekämpfung vernachlässigter Tropenkrankheiten weit über einzelne Krankheiten hinausgeht. Bestehende NTD-Infrastrukturen können Gesundheitssysteme stärken, die Epidemievorsorge verbessern und den Zugang zu Gesundheitsleistungen erweitern.. Entscheidend ist, bestehende Fortschritte zu schützen und vorhandene Strukturen so weiterzuentwickeln, dass sie auch über 2030 hinaus einen nachhaltigen Beitrag zu einer resilienten Gesundheitsversorgung leisten.