Berlin, 11.03.2026 - Der Online-Workshop „Vernachlässigte Tropenkrankheiten (NTDs) – Was, wer, wie?“ richtete sich insbesondere an wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Bundestagsabgeordneten, die sich im Bereich der globalen Gesundheit engagieren. Ziel der Veranstaltung war es, über vernachlässigte Tropenkrankheiten, relevante Netzwerke, zentrale Handlungsfelder sowie wichtige Akteure zu informieren. Veranstalter war das Deutsche Netzwerk gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten (DNTDs).
Zu Beginn begrüßte Prof. Dr. Achim Hörauf vom Institut für Medizinische Mikrobiologie, Immunologie und Parasitologie des Universitätsklinikums Bonn sowie Sprecher des DNTDs die Teilnehmenden und skizzierte die Arbeit des Deutschen Netzwerks gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten.
Im Anschluss gab Dr. Benno Kreuels, Forschungsgruppenleiter für Vernachlässigte Krankheiten und Vergiftungen am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg, einen Überblick über vernachlässigte Tropenkrankheiten (NTDs). Dabei handelt es sich um eine heterogene Gruppe von Erkrankungen, die überwiegend in tropischen Regionen auftreten, eng mit Armut verbunden sind, häufig lange unentdeckt bleiben und mit einer erheblichen Krankheitslast einhergehen. Trotz ihrer Bedeutung sind NTDs in politischen Debatten – auch im Bereich der globalen Gesundheit –vergleichsweise wenig sichtbar. Hinzu kommt, dass die Datenlage in vielen Bereichen lückenhaft ist. So werden beispielsweise zahlreiche Fälle von Schlangenbissen nicht systematisch erfasst und sind in globalen Analysen zur Krankheitslast unzureichend abgebildet. Auch Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Regionen erschweren eine verlässliche Datenerhebung.
Durch den Klimawandel hat sich der geografische Verbreitungsradius einiger Erkrankungen erweitert; Krankheiten wie Dengue-Fieber treten mittlerweile auch in Europa auf. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat 22 Krankheiten als NTDs definiert, die bis 2030 größtenteils eliminiert werden sollen. Erste Fortschritte sind bereits erkennbar: Neuere Schätzungen gehen davon aus, dass jährlich rund 1,5 Milliarden Menschen eine Behandlung gegen eine NTD benötigen – zuvor lag die Zahl bei etwa 1,7 Milliarden.
Kreuels wies zudem darauf hin, dass die USA ihre Entwicklungsbehörde USAID aufgelöst haben und sich zunehmend von multilateralen Institutionen distanzieren. Gleichzeitig schließen die USA mittlerweile bilaterale Verträge mit afrikanischen Staaten, die teilweise an unethische Bedingungen geknüpft sind, etwa die Bereitstellung von Daten.
Danach erläuterte Antonia Braus, Tierärztin sowie Referentin für One Health & Scientific Affairs bei Tierärzte ohne Grenzen e.V. und Vorstandsmitglied des DNTDs, die Zusammenhänge zwischen NTDs und dem One-Health-Ansatz. Anhand von Beispielen aus der Tiergesundheit verdeutlichte sie die Bedeutung integrierter Ansätze und betonte die Notwendigkeit einer gemeinsamen Behandlung von Menschen und Tieren in betroffenen Regionen.
Daraufhin gab Prof. Dr. Achim Hörauf einen Überblick über Forschungsprogramme im Bereich der vernachlässigten Tropenkrankheiten, die vom Bundesministerium für Forschung, Technik und Raumfahrt (BMFTR) unterstützt werden. Dazu gehören unter anderem die Product Development Partnerships (PDPs), das Programm Research Networks for Health Innovations in Sub-Saharan Africa (RHISSA) sowie das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF), in dem zahlreiche deutsche Forschungseinrichtungen mit Bezug zu NTDs organisiert sind. Zudem verwies er auf die Förderung deutsch-afrikanischer klinischer Studien zu vernachlässigten Tropenkrankheiten sowie auf Maßnahmen zum Kapazitätsaufbau, zur Stärkung von Studienzentren und zum Monitoring, die über BMFTR-Mittel im Rahmen des europäischen Forschungsprogramms EDCTP (European & Developing Countries Clinical Trials Partnership) unterstützt werden.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf dem Engagement der Privatwirtschaft. Dr. Johannes Waltz, Director of Strategy and Finance bei der Global Schistosomiasis Alliance (UK), informierte über das Engagement des Unternehmens Merck bei der Bekämpfung der Schistosomiasis in Afrika. Ziel ist die Eliminierung der Krankheit bis 2030. Seit 2007 besteht eine Partnerschaft mit der WHO, in deren Rahmen Merck den Wirkstoff Praziquantel spendet. Insgesamt werden derzeit 47 Länder mit dem Medikament versorgt.
Seit Beginn der Initiative wurden mehr als zwei Milliarden Praziquantel-Tabletten bereitgestellt, wodurch rund 800 Millionen Behandlungen – insbesondere bei Schulkindern – durchgeführt werden konnten. Jährlich werden etwa 250 Millionen Tabletten verabreicht. Parallel dazu hat das Unternehmen ein integriertes Programm zur Bekämpfung der Krankheit initiiert, das Forschung und Entwicklung stärkt. Neben der Medikamentenspende verfolgt Merck einen umfassenden Ansatz, der auch Gesundheitsaufklärung sowie Maßnahmen zur Bekämpfung der Ursachen der Erkrankung umfasst. Der Fokus liegt dabei auf einem gerechten Zugang zu Behandlung, der Stärkung von Gesundheitssystemen, der Ausweitung der Behandlung auf weitere Altersgruppen sowie der Entwicklung neuer Medikamentenformulierungen. Erfolge zeigen sich bereits: In Subsahara-Afrika ist die Prävalenz der Krankheit in den vergangenen zehn Jahren um etwa 53 bis 67 Prozent zurückgegangen.
Abschließend beleuchtete Johan Willems, NTD-Programmmanager bei der Christoffel-Blindenmission (CBM) und Vorstandsmitglied des DNTDs, die Rolle von Nichtregierungsorganisationen bei der Implementierung von NTD-Projekten. NGOs spielen eine zentrale Rolle bei der Bekämpfung vernachlässigter Tropenkrankheiten, insbesondere durch die Zusammenarbeit mit Gesundheitsministerien und lokalen Partnern. Ein wichtiges Ziel besteht darin, NTD-Dienstleistungen in die primäre Gesundheitsversorgung zu integrieren und nationale Kapazitäten zu stärken – ein Aspekt, der angesichts aktueller Budgetkürzungen im Bereich der globalen Gesundheit zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Am Beispiel der Arbeit der CBM zeigte Willems, wie der Zugang zu Morbiditätsbehandlungen verbessert werden kann, um Behinderungen infolge von NTDs vorzubeugen. Die Organisation setzt dabei auf die Einbindung lokaler Gemeinschaften, innovative Ansätze wie digitale Überwachungssysteme sowie auf die Ausbildung von Gesundheitspersonal.
Zum Abschluss appellierte Willems an alle Beteiligten, die am stärksten benachteiligten Gemeinschaften nicht weiter zu vernachlässigen, damit die Ziele der WHO – insbesondere die Eliminierung der meisten NTDs bis 2030 – erreicht werden können.